Künstliche Intelligenz verändert unsere Arbeitswelt und unseren Alltag in rasantem Tempo – und mit ihr wachsen bei vielen Menschen auch Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Besonders Berufserfahrene fragen sich, welche Rolle Erfahrung und menschliche Fähigkeiten künftig noch spielen werden. Darüber sprechen wir mit der Autorin und KI-Expertin Iris Lanz, die seit vielen Jahren Unternehmen und Menschen bei der digitalen Transformation begleitet.
Frage 1: Viele Menschen erleben den rasanten Fortschritt von Künstlicher Intelligenz gleichzeitig als faszinierend und beunruhigend. Warum löst KI Ihrer Meinung nach derzeit so starke Unsicherheiten aus?
Iris Lanz: Die größte Unsicherheit löst meiner Meinung nach das große Unwissen über die neue Technologie aus. Viele wissen nicht wirklich, was Künstliche Intelligenz eigentlich ist, was sie kann und vor allem, was sie auch nicht kann. Das verunsichert gerade viele Berufserfahrene. Im Persönlichen wie im Arbeitskontext fehlt dann das Wissen, wie mich KI gut unterstützen kann und wobei eben überhaupt nicht oder nur teilweise.
Frage 2: Besonders Berufserfahrene haben oft das Gefühl, technologisch nicht mehr mithalten zu können. Ist diese Sorge berechtigt, oder unterschätzen viele ihren eigenen Wert?
Iris Lanz: Ich kenne dieses Gefühl und habe genau deshalb „Du kannst KI“ geschrieben. Heute leben wir in einer Zeit, in der wir zu viele Informationen haben und schlichtweg an unsere Grenzen stoßen. Auf der anderen Seite haben technologische Veränderungen schon immer Menschen verunsichert. Das war so beim Buchdruck, bei der Erfindung der Elektrizität oder zu Beginn des Internets. Das ist eine zutiefst menschliche Reaktion, weil neue Techniken Menschen zunächst ans Limit dessen bringen was sie sich vorstellen können. Wenn wir jedoch KI verstehen und einordnen können, merken wir schnell, dass es sich um eine Technologie handelt, die ohne menschliches Denken, als Zusammenspiel von Erfahrung und Verantwortung, nicht erfolgreich genutzt werden kann.
Frage 3: KI verändert bereits heute Arbeitsabläufe, Kommunikation und Entscheidungsprozesse. Welche Fähigkeiten werden Ihrer Ansicht nach in Zukunft wichtiger werden als bisher?
Iris Lanz: Es sind genau die Fähigkeiten, die gerade Berufserfahrene mitbringen: Fachkenntnis, Urteilsvermögen und Erfahrung. Der Erfolgsfaktor der Technologie ist und bleibt der Mensch.
Frage 4: Manche Menschen reagieren auf KI mit Neugier, andere eher mit Ablehnung oder Angst. Wie kann es gelingen, einen gesünderen und konstruktiveren Umgang mit dieser Entwicklung zu finden?
Iris Lanz: Ich habe für mich gemerkt: Der erste Schritt ist nicht, alles zu verstehen. Er ist wichtig, mit dem Nicht-Wissen zu lernen, umzugehen. Ich beschreibe in meinem Buch sechs typische Ängste, die Berufserfahrene im Zusammenhang mit KI entwickeln – von „Ich bin zu alt“ bis „Ich muss das alles perfekt können“. Keine davon ist irrational, und viel wichtiger, keine davon ist ein dauerhaftes Hindernis. Was wirklich hilft, ist Wissen. Nicht technisches Expertenwissen, sondern ein grundlegendes Verständnis: Was ist KI eigentlich? Was kann sie – und was kann sie nicht? Wer das verstanden hat, sieht plötzlich nicht mehr das Unbekannte, sondern ein Werkzeug mit klaren Stärken und ebenso klaren Grenzen. Genauso wichtig ist die Gemeinschaft. Als ich meine KI Weiterbildung begann, war das erste Online-Meeting eine Offenbarung: Ich war nicht die Älteste im Raum. Und ich war bei Weitem nicht die Einzige, die sich unsicher fühlte. Wir kamen aus Personal, Marketing, Maschinenbau, Bildung – ein bunter Mix aus Menschen, die alle denselben Schritt gewagt hatten. Das gibt Sicherheit. Man ist nicht allein mit seinen Zweifeln. Und dann: einfach anfangen. Klein, konkret, ohne Perfektion. Schon der erste eigene Versuch mit einem KI-Tool verändert die Perspektive mehr als jeder Artikel darüber.
Frage 5: Immer häufiger wird diskutiert, ob KI den Menschen langfristig ersetzt. Wo sehen Sie die Grenzen von Künstlicher Intelligenz und was bleibt aus Ihrer Sicht zutiefst menschlich?
Iris Lanz: KI denkt nicht. Sie fühlt nicht. Sie berechnet. Das ist der entscheidende Unterschied, der im öffentlichen Diskurs viel zu selten klar benannt wird. Ein Sprachmodell wie ChatGPT berechnet bei jeder Antwort, welches Wort als nächstes am wahrscheinlichsten passt. Kein Urteil, kein Wille, kein Bewusstsein. Ist gibt den schönen Begriff, dass KI Halluzinationen hat. Gemeint damit ist: sie erfindet nämlich Antworten, die zwar sprachlich plausibel klingen, aber inhaltlich falsch sind. Sie weiß es nicht besser, weil sie es schlicht nicht weiß. Sie rechnet weiter und gibt die für sie wahrscheinlichste, aber in Wirklichkeit falsche Antwort. Was KI nicht hat, ist Urteilsvermögen, Verantwortung und Empathie. Die Fähigkeit, Kontext wirklich zu verstehen – nicht nur Muster. Die Fähigkeit, eine Entscheidung zu erklären und dafür einzustehen. Zu wissen, wann eine Zahl nicht die ganze Wahrheit erzählt. Das sind keine weichen Faktoren. Das sind in einer KI-geprägten Arbeitswelt echte Wettbewerbsvorteile für den Menschen. Ich sage meinen Kunden: KI braucht euch. Nicht um Knöpfe zu drücken, sondern um die richtigen Fragen zu stellen, die Ergebnisse einzuordnen und die Grenzen zu erkennen. Ohne den menschlichen Gegenpol wird KI schnell gefährlich – nicht weil sie böse ist, sondern wenn niemand mehr prüft, ob das, was sie produziert, wirklich stimmt.
Frage 6: Die technologische Entwicklung schreitet extrem schnell voran. Was würden Sie Menschen raten, die sich von dieser Geschwindigkeit überfordert fühlen und Angst haben, den Anschluss zu verlieren?
Iris Lanz: Ich sage es so direkt, wie ich es auch in meinem Buch schreibe: Mutig ist es nicht, sich mit KI zu befassen. Mutig ist es, sich nicht damit zu befassen – und dabei zu glauben, dass das gut ausgeht. Aber ich verstehe die Überforderung, weil ich sie selbst erlebt habe. Und ich habe gelernt: Man muss nicht Schritt halten mit allem. Man muss nur einen Schritt machen. Was man dafür nicht braucht ist Mathekenntnisse aus dem Studium, fünf Stunden Freizeit pro Tag oder einen technischen Beruf. Was man braucht ist vielmehr Neugier, Offenheit für neue Denkweisen und die Bereitschaft, Dinge auszuprobieren. Neugier kennt kein Alter. Das habe ich in meiner eigenen KI-Ausbildung erlebt, in der Menschen aus allen Lebensphasen und Branchen gemeinsam gelernt haben. Aus meiner Sicht ist es wichtig, sich nicht vom Gefühl der Überforderung lähmen zu lassen. Wer Erfahrung mitbringt, bringt übrigens mehr mit als er denkt: Urteilsvermögen, Kontextwissen, die Fähigkeit, Relevantes von Irrelevantem zu trennen. Genau das braucht es, um KI gut zu nutzen. Mein Rat: Fangen Sie an. Stellen Sie Fragen. Machen Sie Fehler. Und holen Sie sich Gesellschaft dazu – denn wir sitzen alle in diesem Boot.